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Dieser – hier an den markierten Stellen gekürzte – Text ist unter dem Titel „Was macht den heutigen Lateinunterricht unverwechselbar?" auf der Homepage des Deutschen Altphilologenverbands zu finden (http://www.altphilologenverband.de/index.php?option=com_content&view=article&id=44:was-macht-den-heutigen-lateinunterricht-unverwechselbar&catid=20:latein-schule&Itemid=84, abgerufen am 11.8.2014).

 

Da Latein die Basissprache Europas ist, beschäftigt sich der Lateinunterricht auf der Grundlage lateinischer Texte nicht nur intensiv mit der Sprache und Kultur des antiken Rom, sondern nimmt zugleich das Fortleben der lateinischen Sprache bis in die Neuzeit in den Blick. Dabei erweist sich der Lateinunterricht als Schlüsselfach zur europäischen Tradition. Auf dieser Grundlage vermittelt der Lateinunterricht als pädagogisches Mehrzweckinstrument vielfältige sprachliche, methodische, kulturelle und personale Kompetenzen und stellt ein für unsere Gegenwart wichtiges Orientierungswissen zur Verfügung. Dabei werden vor allem langfristig wirksame Qualifikationen erworben, wodurch Allgemeinbildung und Studierfähigkeit nachhaltig gefördert werden. Da in unserem Zeitalter der Dritten Industriellen Revolution spezialisiertes Fachwissen in immer kürzeren Abständen zu veralten droht, kommt derartigen Qualifikationen eine besondere Bedeutung zu.

 

1. Das Lateinische leistet als Reflexionssprache einen spezifischen Beitrag zur Entwicklung sprachlicher Fähigkeiten. Beim Übersetzen von lateinischen Texten verbessern die Schülerinnen und Schüler die Ausdrucksfähigkeit in der deutschen Sprache und schulen nachhaltig ihre Lesekompetenz, indem sie lernen, genau hinzusehen, geeignete Wörter und Ausdrücke zu suchen, sie kritisch zu prüfen, auszuwählen und kreativ anzuwenden. Gerade diese Fähigkeiten sind in der modernen Informationsgesellschaft von besonderer Bedeutung. (...) Die Schüler erhalten am Lateinischen als „Modell von Sprache" ein grundsätzliches Bewusstsein dafür, wie eine Sprache funktioniert. Diese Form der intensiven Sprachreflexion stellt eine wichtige Ergänzung des modernen Fremdsprachenunterrichts dar, dessen Hauptziel die Kommunikationsfähigkeit in der jeweiligen Fremdsprache ist.
Da die meisten europäischen Sprachen einen hohen Anteil an lateinischen Ursprüngen aufweisen, bietet der Lateinunterricht eine gute Basis, bereits vorhandene fremdsprachliche Fähigkeiten zu vertiefen oder weitere Fremdsprachen zu erlernen. Dies gilt für das Englische, die romanischen Sprachen und auch für das Russische. (...)

 

2. Der Lateinunterricht erschließt den Schülerinnen und Schülern einen fundierten Zugang zur europäischen Kulturtradition, stärkt das historische Bewusstsein und leistet einen wichtigen Beitrag zur Förderung einer gemeinsamen europäischen Identität. Im Lateinunterricht kann man erkennen, woher wir Europäer kommen und was uns bis heute verbindet. Der Lateinunterricht ist daher ein bedeutendes europäisches Grundlagenfach. Dies lässt sich an folgenden Bereichen zeigen:

 

Literatur und Mythos
Der Lateinunterricht führt in grundlegende Formen europäischer Literatur aus Antike, Mittelalter und Neuzeit (z. B. Biographie, Briefliteratur, Epigrammatik, Epos, Fabeldichtung, Geschichtsschreibung, Komödie, Lyrik, Rhetorik und Satire) und in mythologische Grundmuster Europas ein (z. B. Europa, Ikarus, Orpheus und Eurydike, Pygmalion). Dabei wird den Schülern die Bedeutung der griechisch-römischen Antike und der lateinischen Literatur für die Entwicklung der europäischen Kultur verdeutlicht.

Geschichte und Politik
Im Lateinunterricht lernen die Schüler die Grundlagen der römischen Gesellschaft kennen und erhalten einen Einblick in die historischen Fundamente Europas. Dabei werden die Schüler mit Grundproblemen aus Politik und Gesellschaft konfrontiert. Hierzu zählen z. B. das Problem von Macht und Recht (Caesar, Phaedrus), die Idee der Gleichheit und Würde aller Menschen (Cicero, Seneca), die Frage eines gerechten Krieges (Cicero, Augustinus), die Begegnung mit Fremden (Caesar, Plinius, Erasmus, Amerigo Vespucci) oder gesellschaftliche Utopien (Cicero, Thomas Morus).

 

Philosophie
Der Lateinunterricht führt die Schüler in wichtige Bereiche abendländischer Philosophie (z. B. platonische Philosophie, Stoa, Epikureismus, Augustinus, Hobbes, Descartes) ein und schafft vielfältige Gelegenheiten, über die Grundprobleme menschlicher Existenz nachzudenken und zu diskutieren. (Z. B.: Was macht menschliches Glück aus? Was bedeutet Freundschaft? Welche Rolle spielen Vernunft und Gefühl im menschlichen Leben?)

 

Religion
Der Lateinunterricht bietet einen Einblick in die Grundlagen christlicher Religion und vermittelt einen historisch fundierten Einblick in die Bedeutung des Christentums für die europäische Kultur (Vulgata und die Ursprünge des Christentums, Humanismus als Verbindung von Antike und Christentum).

 

Materielle Kultur
Im Lateinunterricht werden die Schüler mit wichtigen Grundlagen der bildenden Kunst und der Architektur bekannt gemacht (z. B. Theater, Villa, Tempel- und Städtebau). Der Fortwirkung dieser Ausdrucksformen wird ebenfalls besondere Aufmerksamkeit geschenkt.

 

3. Schule hat nicht nur die Aufgabe, den Schülerinnen und Schülern fundiertes Sachwissen zu vermitteln, sondern soll vor allem die persönliche Entwicklung der Kinder und Jugendlichen unterstützen und fördern. Hierzu zählen z. B. die Entwicklung von Werthaltungen, die Förderung von Verantwortungsbewusstsein für sich selbst und andere und die Fähigkeit zur Selbstkritik und die Entwicklung von Selbstbewusstsein. Zu diesen zentralen Aufgaben der Schule kann der Lateinunterricht wertvolle Beiträge leisten: In den im Unterricht behandelten lateinischen Texten aus Antike, Mittelalter und Neuzeit werden immer wieder grundlegende Fragen menschlicher Existenz aufgeworfen. (...)